Wanderpapa Rémy Kappeler: „Kinder finden unterwegs immer etwas, das sie begeistert“
Menü
Wanderpapa Rémy Kappeler: «Kinder finden unterwegs immer etwas, das sie begeistert»
Zwischen Motivationstiefs und magischen Momenten: Buchautor und Blogger Rémy Kappeler erklärt, wie Wandern mit Kindern gelingt, welche Fehler Eltern vermeiden sollten – und warum Abenteuer wichtiger sind als Kilometer.
Rémy Kappeler (52) ist Redaktionsleiter des Magazins DAS WANDERN (LA RANDONNÉE), das vom Verband Schweizer Wanderwege herausgegeben wird. Seit 2017 bloggt der dreifache Vater als «Wanderpapa». Sein Buch «Wanderpapa» (Papa Rando: La marche est un jeu d’enfant) enthält viele Familiengeschichten vom Wanderweg und praktische Tipps rund ums Wandern mit Kindern. Es ist im Verlag Helvetiq erschienen und auch auf Französisch erhältlich.
Sie gelten als Experte für das Thema Wandern mit Kindern, haben darüber sogar ein Buch geschrieben. Sind Sie als Kind gerne gewandert?
Das kam ganz darauf an. Wir waren oft in Adelboden unterwegs, suchten Beeren und Pilze – ich liebte diese Wanderungen, das waren echte Abenteuer. Die Sonntagsspaziergänge auf die St. Petersinsel hingegen empfand ich als schrecklich: drei Kilometer nur geradeaus, links und rechts nichts als Wasser, Velofahrer, die überholten. Bei Sonntagsspaziergängen kann man als Eltern viel falsch machen.
Was machen Sie heute als Vater anders als Ihre Eltern?
Früher hiess es einfach: «Heute gehen wir wandern.» Aber Kinder wollen nicht wandern gehen, sondern auf ein Abenteuer mitgenommen werden. Ich verkaufe meinen Kindern das Wandern deshalb immer als Abenteuer. Schon Tage, bevor wir loslaufen, erzähle ich von Ruinen, Wasserfällen oder besonderen Orten, die wir entdecken könnten. So kommt Vorfreude auf und die ist entscheidend.
Und doch gibt es Momente, in denen Kinder partout nicht mitkommen wollen. Was raten Sie Eltern in solch einer Situation, wenn sie selbst wirklich gerne wandern gehen würden?
Da hilft nur Geduld und nichts erzwingen wollen. Manchmal motiviert es, zusammen mit befreundeten Familien loszuziehen. Oder auch mal einen Hund auszuleihen, wenn man keinen eigenen hat. Und wenn man dann doch unterwegs ist, beginnt ein Abenteuer vielleicht damit, dass man einfach losläuft und am Abend «zufällig» ein Gasthaus findet, in dem ein Zimmer frei ist – weil man es natürlich vorher reserviert hat.
Warum gehen viele Erwachsene gerne wandern, Kinder hingegen oft nicht?
Uns Erwachsene fasziniert das Laufen, die Aussicht, die Ruhe. Kindern sagt das wenig. Sie wollen entdecken. Hier ein Stein, da ein Schneckenhäuschen, ein Bach, ein Baumstamm – am Wegrand finden sie immer wieder neue, kleine Abenteuer. Wandern mit Kindern darf kein reines Vorwärtskommen sein.
Wie viel Inszenierung brauchen Kinder, damit ihnen das Wandern Spass macht?
Man muss kein Theater organisieren, es reicht, authentisch und begeistert zu sein. Ich bin zum Beispiel kein Fan von Themenwegen. Sie nehmen viel Kreativität aus dem Wanderweg raus. Ich habe lieber kleine Hilfsmittel dabei, um Motivationstiefs zu überbrücken.
Zum Beispiel?
Etwa einen Farbwürfel: Man würfelt und sucht in der Umgebung Dinge in dieser Farbe. Oder Karten mit Wörtern, aus denen man gemeinsam eine Geschichte erfindet. Bei uns haben Sackmesser, Feuersteine, eine Lupe oder ein Kaleidoskop gut funktioniert. Ich habe auch schon Wanderkarten ausgedruckt, damit die Kinder selbst die Route entdecken können. Wir hatten schon Bestimmungskarten für Blumen dabei. Ein Geheimtipp sind Cooling Towels – kleine Tüchlein, die man nass machen kann und die dann sehr kalt werden. Ideal, wenn es heiss ist. Wenn die Motivation sinkt, hilft es manchmal auch, einfach früher Mittag zu essen. Flexibilität ist wichtiger als jeder Plan.
Welche Art von Wanderungen begeistert Kinder Ihrer Erfahrung nach?
Die Abwechslung des Weges macht es aus: mal schmal, mal breit, mal kurvig, mal schlängelnd. Spannend ist, wenn man nicht sieht, was hinter der Kurve oder der Kuppe als nächstes kommt. Oder wenn man das nächste Wanderwegzeichen auch mal suchen muss, wenn nicht immer alles gleich von Beginn weg absehbar ist.
Die Zeitangaben von Wanderrouten scheinen in der Realität mit Kindern nie aufzugehen. Woher weiss man, wie viel Zeit man für eine Wanderung einplanen sollte?
Ich verdopple alle Zeitangaben. Für eine Zwei-Stunden-Wanderung plane ich vier Stunden ein. Da ist alles miteingerechnet: das Picknick, die Pausen, das Balancieren auf dem Baumstamm am Wegrand. So erspart man sich das «Wir müssen weiter!», weil das Postauto sonst abfährt. Damit stresst man sich nur selbst – und gestresste Eltern sind uncoole Eltern, die nur Widerstand auslösen.
Was packen Sie immer in den Rucksack, wenn Sie mit Kindern wandern gehen?
Picknick, Sonnenschutz, Regenschutz, genug zu trinken, eine kleine Apotheke, Handy und Karte. Kinder können auch selbst einen kleinen Rucksack tragen. Bei uns haben sie immer das Picknick getragen, dann hatten sie ab Mittag praktisch nichts mehr zu schleppen. Aber man muss auch damit rechnen, dass man den Rucksack irgendwann übernimmt und selbst trägt – da auch nicht zu stur sein.
Braucht es noch mehr spezielle Ausrüstung?
Das Wichtigste sind gute, bequeme Schuhe mit gutem Profil. Bewährt haben sich auch Wanderhosen: Da sie schnell trocknen, liegt auch mal eine Wasserschlacht drin.
Apropos Rucksack: Was halten Sie von den Rucksäcken, in denen die Eltern ihre kleinen Kinder tragen?
Ich bin ein grosser Fan. Der Tragerucksack war für uns unverzichtbar. Wenn die Kinder nicht mehr mochten, konnte man sie einfach tragen und weitergehen. Unsere Kinder wurden generell gern getragen und schliefen auch beim Wandern oft ein, sodass wir gut vorankamen. Wollten sie wieder laufen, passte man das Tempo an. Der Rucksack machte viele Wandertage überhaupt erst möglich. Selbst wenn man ein Kind die ganze Strecke trug, war man draussen, erlebte etwas und verbrachte Zeit miteinander. Und diese kleinen Momente – die Haare des Kindes, die im Nacken kitzeln, eine Berührung – sind besonders schön.
Sind Kinder eigentlich Schönwetterwanderer?
Meiner Erfahrung nach sind es meist die Erwachsenen, die sich durch schlechtes Wetter die Laune verderben lassen. Den Kindern ist es oft egal, solange sie einen guten Regenschutz haben. Wenn das Wetter kippt, sollte daher die Sicherheit darüber entscheiden, ob man weiterwandert. Ist einsetzender Regen in den meisten Fällen unbedenklich, ist bei Gewittern in den Bergen Vorsicht angesagt. Aber auch bei harmlosen Wetterumbrüchen: Wenn die Stimmung kippt und man die Möglichkeit hat, empfehle ich abzubrechen! Idealerweise wählt man Wanderungen mit Umkehrpunkten, an denen man abkürzen oder abbrechen kann.
Abkürzungen gibt es ja nicht auf jeder Wanderroute.
Das stimmt. Am besten überlegt man sich gut im Voraus, ob man die Route nicht nur den Kindern, sondern auch sich selbst zutraut, und ob sie auch sicher ist. Wenn man selbst nicht mehr mag, haben alle ein Problem.
Welche Tipps geben Sie Eltern, die am kommenden Wochenende ihre erste Wanderung mit Kindern planen?
Nebst genug Zeit einplanen und einer abwechslungsreichen Route wählen: Offen bleiben für alles, was unterwegs passiert. Kinder finden fast immer etwas, das sie begeistert – wenn man ihnen den Raum dafür lässt. Und ganz wichtig: Nicht zu genaue Vorstellungen haben, wie es werden muss. Ich spreche nicht von der Routenplanung, sondern von Soft-Faktoren wie dem Erlebnis, von der Stimmung. Wenn ich den Anspruch habe, dass eine Wanderung ausnahmslos wundervolle Familienzeit sein muss, wird es schwierig. Wie an jedem Familiensonntag gibt es auch auf Wanderungen Momente, in denen die Stimmung weniger gut ist. Das gehört dazu.
Wie hat das viele Wandern Ihr Verhältnis zu Ihren Kindern beeinflusst?
Es hat es auf jeden Fall verbessert. Wir haben so viel Zeit in der Natur miteinander verbracht, das prägt. Als meine Kinder älter geworden sind, haben wir auf Wanderungen oft besprochen, was sie gerade beschäftigt hat. Aufklärungsthemen zum Beispiel fallen nirgends leichter als auf einem Wanderweg – zu zweit nebeneinander, aber nicht Face to Face. In Bewegung, in der Natur, bei sich und nicht abgelenkt.
Ihre Kinder sind inzwischen im Teenageralter. Wandern sie immer noch?
Ja, alle. Mein ältester Sohn wollte Wandern eine Zeit lang nicht als Hobby angeben, weil es als nicht so cool galt. Unterdessen geht er wieder wandern und mit Freunden biwakieren. Wandern ist salonfähig und bei den Jungen ein richtiger Trend geworden – das freut mich natürlich total!
Die Post und die Schweizer Wanderwege
Die Post ist Hauptpartnerin der Schweizer Wanderwege und setzt sich für dieses einzigartige Wegnetz ein. Mit dem Post-Förderpreis unterstützt sie jährlich besonders familienfreundliche Wanderwegprojekte. post.ch/wandern