Tupfer, Katheter, Spritzen: Was im Operationssaal selbstverständlich bereitliegt, lagerte zwölf Stunden zuvor noch im hochautomatisierten Lager der Post in Villmergen AG.
Ein gelber Lastwagen der Post fährt langsam an Markus Widmer vorbei. «In diesem Lastwagen sind keine Briefe und Pakete», sagt er. «Darin liegen Implantate, Wundauflagen und sterile Einmalspritzen.»
Widmer steht vor dem Lagerlogistikzentrum im aargauischen Villmergen. Das Gebäude zwingt aufgrund seiner Grösse den Blick nach oben. Lastwagenrampen, eine schlichte Fassade. Rundum: Industriequartier. Wer hier vorbeifährt, denkt nicht an Medizin. Markus Widmer ist Branchenmanager Gesundheitslogistik bei der Post, ein Bereich, mit dem die wenigsten in Berührung kommen – für zahlreiche Schweizer Spitäler aber ist er unabdingbar. Das Logistikzentrum wird von Swiss Post Cargo betrieben. Hier lagert die Post Waren für Geschäftskunden aus zwei Welten: Handel und Gesundheitswesen – vom Kühlschrank bis zur Knieprothese. Gekühlte Lager und Hygieneräume erlauben zusätzlich den Versand von Medizinprodukten.
«57 000 Quadratmeter – so gross wie acht Fussballfelder», sagt Widmer. Das grösste Lagerlogistikzentrum der Post hat 100 neue Arbeitsplätze geschaffen. Es ist eines der modernsten in Europa. Die Photovoltaikanlage auf dem Dach liefert jährlich so viel Solarstrom, wie 300 Haushalte verbrauchen. Damit deckt das Zentrum bis zu 100 Prozent des Eigenbedarfs ab.
Im Lagerlogistikzentrum von Swiss Post Cargo verarbeitet die Post keine Briefe oder Pakete. Hier lagern Güter wie Waschmaschinen oder Nahrungsergänzungsmittel sowie Produkte aus dem Gesundheitsbereich.
30 Kilometer entfernt, in einem Büro am Hirslanden-Hauptsitz in Zürich, sitzt Eugenio De Biasio. Auf dem Schreibtisch: drei Bildschirme, Tausende von Bestellpositionen, Tabellen, Diagramme, Kennzahlen.
De Biasio leitet bei Hirslanden das Supply Chain Management, verantwortet die gesamte Materialversorgung der Kliniken: über 100 Operationssäle, 1000 Eingriffe täglich, 700 Lieferanten, 100 000 verschiedene Artikel. Hirslanden ist die grösste private Spitalgruppe der Schweiz – und Kundin der Post.
«Die Patientinnen und Patienten kommen ständig mit der Logistik in Berührung: die Lieferung von Mahlzeiten, der Transport vom Zimmer in den OP. All das ist Logistik», sagt er. «Wie Sauerstoff: selbstverständlich, bis er fehlt.» Dass Pflegende bis zu 30 Prozent ihrer Arbeitszeit für Logistikaufgaben aufwenden, sei vielen nicht bewusst. «Wir haben pro Jahr rund eine Million Bestellpositionen. Das sind keine Bestellungen wie beim Onlineshopping. Hier hängt an jeder Lieferung eine Patientin oder ein Patient.»
Die Post entlastet durch die Logistik das Personal, verschafft ihm Zeit am Patientenbett und senkt Kosten. Für eine Branche mit Fachkräftemangel ist das kein Detail.
Spitallager nur noch für Notfälle
Vor über zwölf Jahren traf Hirslanden einen mutigen Entscheid: Die gesamte Materiallogistik wurde ausgelagert, an die Post. Die Hirslanden-Kliniken befinden sich an zentralen Lagen. Jeder Quadratmeter kostet. «Wir wollten diese wertvollen Quadratmeter für Dienstleistungen an den Patientinnen und Patienten nutzen, nicht als Lagerfläche», sagt De Biasio. «In unseren Spitälern sind nur noch die Materialien für Notfälle an Lager, alles andere kommt von der Post. Genau dann, wenn wir es benötigen.»
An Hirslanden-Standorten entstanden so Freiräume für zusätzliche Operationssäle, für die Erweiterung von Radiologieinstituten oder für sonstige patientenbezogene Angebote. Statt bis zu 30 Einzellieferungen täglich erhält eine Hirslanden-Klinik heute eine einzige konsolidierte Sendung. Davon profitieren nicht nur Hirslanden sowie die Patientinnen und Patienten, sondern auch die Städte durch weniger Verkehr.
Die Post ist die führende Anbieterin für spezialisierte Gesundheitslogistik in der Schweiz.
Ihr Angebot richtet sich an medizinische Einrichtungen und umfasst die gesamte Versorgungskette: operative Beschaffung, zertifizierte Lagerung von Medizinprodukten und Arzneimitteln, Kommissionierung und Lieferung direkt an den Verwendungsort – sowie die Rücknahme und sterile Aufbereitung chirurgischer Instrumente.
Alle Prozesse laufen nach gesetzlichen Vorgaben ab, bei kontrollierter Temperatur, lückenlos rückverfolgbar. Der Transport wird klimaneutral abgewickelt.
Die Gesundheitslogistik der Post entlastet das Pflegepersonal – und senkt die Kosten im Gesundheitswesen.
Luft wie auf dem Jungfraujoch
Zurück in Villmergen. Widmer führt durch das Logistikzentrum: vorbei an Paletten, Förderbändern, surrenden Anlagen. Vor einer Treppe bleibt er stehen. «Nur eine Treppe hinaufgehen und schon sind wir auf dem Jungfraujoch», sagt er lachend.
Oben fahren auf einem Gitternetz Roboter hin und her. Sie holen Behälter aus der Tiefe, bringen sie nach oben, versenken sie wieder. Spritzen, Mundschutz, Katheter, OP-Kittel. Markus Widmer öffnet eine kleine Türe zum Innern der Anlage. «Medizinisches Verbrauchsmaterial», sagt er. Jetzt ist spürbar, was er mit dem Jungfraujoch gemeint hat. Der Sauerstoffgehalt ist auf das Niveau von 3500 Metern über Meer reduziert – beim ersten Atemzug merklich. «Feuer braucht Sauerstoff. Wo wenig davon ist, kann kein Brand entstehen. Damit schützen wir die eingelagerten Produkte», erklärt er.
Widmer läuft zwei Stockwerke hinunter und öffnet eine Stahltür. «Hier verliert man die Orientierung», sagt er. Der Blick in die Halle gibt ihm recht. Darin: das Hochregallager. Reihen von Regalen, dutzende Meter hoch, 24 000 Palettenplätze. Auch hier fahren Roboter und bringen Paletten präzise an ihren Lagerplatz.
«Liefern wir ein falsches Produkt an ein Spital, hat das Einfluss auf den eng getakteten OP-Plan. Im schlimmsten Fall muss eine geplante Operation verschoben werden.»
Widmer macht eine kurze Pause. «Die Automation hilft uns dabei, die Liefergenauigkeit auf ein Maximum zu optimieren.» 99,95 Prozent aller Bestellungen werden vollständig und pünktlich geliefert – innert 12 Stunden nach Bestellung. An einer Verpackungsstation steht eine Mitarbeiterin, vor ihr ein Behälter mit Kathetern. Sie greift, prüft und verpackt. Hier zeigen sich die Grenzen der Automation. Ob eine Spritze anders verpackt werden muss als ein Tupfer, ob ein Artikel einzeln oder im Set geliefert wird: Das erfordert Erfahrung, die kein Roboter ersetzen kann.
Dass dieses Modell weit über Hirslanden hinaus Schule macht, zeigt sich daran, dass immer mehr Kliniken und Spitäler ihre Logistik an die Post übergeben. Eine davon ist die Klinik Seeschau am Bodensee: Sie hat die gesamte OP-Logistik ausgelagert – von der Bestellung über die Lieferung bis hin zur digitalen Abrechnung, alles aus einer Hand. Das gemeinsame Projekt mit der Post ist für den Swiss Logistics Award 2026 nominiert.
Zurück in Zürich, im Büro von Eugenio De Biasio. «Wir wollen die Patientinnen und Patienten umsorgen, nicht nur versorgen», betont er. «Wenn sie die Logistik nicht wahrnehmen, funktioniert sie.»
Draussen, in Villmergen, fällt die Ladeluke eines Lastwagens zu. In ein paar Stunden liegt sein Inhalt im Operationssaal. Widmer geht zurück in die Halle. Wie stellt er sich die Zukunft vor? «Das Pflegepersonal soll einfach in den Schrank der Pflegestation greifen und nehmen, was gebraucht wird, ohne sich je zu fragen, ob die Ware noch da ist.»